Vorwort
Mehr als 1000 Jahre sind durch die Weiten der Welt gezogen, da der Fluß der Zeit die unausweichliche Konfrontation der beiden Ursprunsmächte anordnete, das Lichter erloschen, ganze Ebenen unter heißen Lavamassen verglühten, das Ströme voll Blut die Seen und Meere in dunkles rot tauchten und Müttern das Leben ihrer Männer und Söhne gestohlen wurde. Ja, es war eine dunkle Zeit gewesen, voll Hoffnungslosigkeit und Trauer.
Als damals auch der letzte Funke Hoffnung in den Seelen der reinen Wesen gestorben war, nahm das schier unausweichliche Schicksal der Welt jedoch eine unerwartete Wende, die von einem kleinen unscheinbaren Elbenjungen eingeleitet worden war. Dimian Aruhn war der Name jenes Kindes gewesen, und man hatte ihn dazu auserwählt die schwerste aller Bürden auf seinen schmalen Schultern zu tragen; die Rettung der Welt.
Kaum ein Wesen kennt heutzutage noch diese Erzählung längst vergangener Tage, welche im Nebel der Zeit viel von ihrem ursprünglichen Glanz und ihrer Glaubwürdigkeit verloren hat.
Und mit dem schwindenden Glauben an das Schicksalhafte Leben dieses jungen Helden, schwand auch das Wissen um jene Warnung längst vergangener Tage. Die Stunde der Apokalypse ist nahe, sie wartet nur auf die endgültige Leere in den Köpfen ihrer nicht wissenden Diener, um unbemerkt, langsam schleichend wie der siechende Tod, über die unbewachte Schwelle hinweg, in diese Welt einzufallen.
Es ist lediglich dem gut gehüteten Wissen und der Behutsamkeit nur weniger unermütlicher Weltenbewohner zu verdanken, daß Illusien nun seit über 1000 Jahren vor einem erneuten Übergriff des Chaos bewahrt wurde. Doch dieses Wissen stirbt mit jenen die an es glauben, und deren Anzahl wird von Tag zu Tag geringer. Es scheint beinahe so, als sei das infernale Schicksal dieser Welt nur hinausgezögert worden um in der jetzigen Zeit besiegelt zu werden. Erneut steht die Zukunft dieser Welt auf des Messers Schneide, doch ist dieses mal wieder ein Held zur Stelle, der die Kraft und den Mut besitzt, im Glauben an das Gute, für das Leben einzutreten?
Der Tod der Zeit
Wieder einmal tastete sich die Sonne, in Form eines riesigen roten Glutballs, über die Nebel behangenen, grünen Wälder und Auen des Landes und verdrängte auch das letzte Stück Finsternis welches die Nacht hinterlassen hatte. Selbst dem ungeschulten Auge entgingen nicht die langgezogenen in sich windenden Dampfschwaden die in Richtung Himmel stiegen und sich unter dem scheinbaren Ansturm des Tages in Nichts auflösten.
Gleich dem dieser Anblick fast den Eindruck vermittelte, ein rotes Flammenmeer wüte in den nahen Baumwipfeln so hatte dieses Panorama doch etwas mystisches und einzigartiges an sich.
Es war zu jener Morgenstunde als eine einsame Kapuzengestalt, umhüllt von einem Mantel dämmrigen Lichtes durch das beschriebene Szenario in Richtung Burgberg wanderte.
Die Natur lag zu jener Stunde noch im tiefen Schlummer als die hagere Gestalt, durch die von Tau bedeckten und zum Teil dampfenden Wiesen, in Richtung ihrer alten Heimat schritt.
Zelgadis Grendor kam es in Gedanken fast wie eine halbe Ewigkeit vor, daß er seiner Geburtsstadt Burgberg einen Besuch abgestattet hatte. In Wirklichkeit lag es jedoch nicht viel länger als 3 Jahre zurück, daß er damals das nördliche Stadttor in Richtung der Fremde verlassen hatte um in eine Lehre beim allseits bekannten Hexer Gursaka Rendart einzutreten. Ein mildes, entspanntes Lächeln schlich sich auf seine warmherzigen und feinen Gesichtszüge, da seine Gedanken bei seinen Mentor hängen geblieben waren und er sich der vielen schönen Erlebnisse seiner Lehrjahre zurückerinnerte. Seine damals angetretene Reise zu Gursaka Rendart, welcher in einem einsamen Turm tief in den nördlichen Wäldern von Bengol lebte, hatte weder von seinen Verwandten noch von seinen besten Freunden großen Zuspruch gefunden, denn der alte Hexer galt als verpönt und genoß in der Bevölkerung einen sehr zweifelhaften Ruf. Zelgadis wußte das bis heute noch nicht wirklich nachzuvollziehen. Meister Gursaka war sicherlich nicht das, was man sich unter einem redsamen Menschen vorstellte, doch während seiner gesamten Ausbildung hatte er nie das beklommene Gefühl verspürt, das Gursaka Rendart irgendeine dunkle Seite seiner selbst vor ihm verborgen hielt. Im Gegenteil, er hatte ihn zwar als strengen, jedoch äußert gerechten Lehrmeister in Erinnerung behalten dürfen.
Zelgadis Gedanken kehrten urplötzlich von seinen Erinnerungen zur gegenwärtigen Realität zurück.
Im schummrigen Licht des Morgengrauens zeichneten sich jetzt langsam die ersten schwachen, aber stetig näher kommenden Konturen der Stadtmauer von Burgberg ab.
Gleich würde er sein Ziel erreicht haben. Zelgadis verspürte seltsamerweise mit jedem Schritt den er sich der Stadt näherte ein stärker werdendes Unwohlsein in der Magengegend. Den ganzen Weg über hatten ihn immer wieder dieselben Fragen beschäftigt, die er nun einfach nicht mehr verdrängen konnte.
Würden die Leute der Stadt ihn nach all den Jahren überhaupt noch erkennen? Und wie würden sie auf seine Rückkehr reagieren? Würde man ihn mit offenen Armen empfangen oder ihn eher wie einen Fremden behandeln, ihm also mißtrauisch gegenüber stehen. Nichts fürchtete er zur Zeit mehr als die Antwort auf diese Fragen.
Verzerrt durch die milchigen Nebelschwaden die sich wie ein Flickenteppich zwischen die Landschaft und den Himmel gelegt hatten erkannte er zwei dunkle Gestalten. Die eine war für einen Menschen ungewöhnlich groß und stämmig gebaut, die andere dagegen war eher klein und hager. Beide verharrten fast regungslos vor dem nördlichen Eingang der Stadt und schienen sich zu unterhalten. Zelgadis überlegte. War die Wache nicht etwas früh dran ? Nie, selbst nicht zu den Zeiten der großen Ernteeinfuhr, wurde das Tor der Stadt zu so früher Stunde geöffnet und bewacht.
Sein Gefühl riet ihm zur Vorsicht. Zelgadis dachte nach. Im Schutz einiger Bäume die den Straßenrand säumten, hatte er die Möglichkeit sich näher an die 2 Gestalten heranzuschleichen um zu sehen und zu hören wer sie waren und über was sie sich unterhielten. Doch er mußte auf der Hut sein, es schien ihm mehr als zweifelhaft, daß die merkwürdigen Gestalten auf sein erscheinen freundlich reagieren würden.
Mit seinen Gedanken konzentrierte er sich nun darauf lautlos und unerkannt wie ein Schatten zu sein. Im selben Augenblick entfuhr dem kleinen Lederbeutel den er über seine linke Schulter trug ein kurzes kaum wahrnehmbares aufleuchten, das jedoch im Bruchteil einer Sekunde wieder erstarb. Alles war nun getan um möglichst unauffällig, näher an die beiden Geschöpfe heranzugehen. Den Umhang tief ins Gesicht gezogen und fast schon mit dem Körper am Boden klebend setzte sich Zelgadis mit äußerster Vorsicht in Bewegung. Nie verlor er dabei jedoch den Blickkontakt zu dem ungleichen Paar, das sich im Augenblick anzuschweigen schien.
Zelgadis erstarrte in seiner letzten Bewegung. Ein jäher Schrei durchdrang wie ein Donnerschlag die friedliche Ruhe des Morgens. „Wachen“ rief eine Stimme die von der schmächtigen Gestalt auszugehen schien. Ihr Klang ließ weder auf einen Mann noch auf eine Frau vermuten. Sie lag irgendwo dazwischen und hatte ein merkwürdig klingendes, heißeres Flattern im Ton, das einem das Blut in den Adern gefrieren lassen konnte. „Wachen“ fuhr die Stimme nochmals scharf wie eine Messerklinge durch die Schwaden des nassen Dunstes „öffnet uns endlich das Tor“. Danach kehrte eine trügerische Ruhe ein, die Zelgadis unweigerlich zum Nachdenken zwang. Seine inneren Warnrufe waren lauter geworden und sorgten dafür, daß die Angst langsam von seinem Körper Besitz ergriff. Irgendetwas stimmte mit diesen beiden Gestalten nicht. Er glaubte deutlich den Ärger riechen zu können den sie wie ein Gepäckstück mit sich trugen.
Zelgadis Atmung wurde schneller. Die Angst in ihm steigerte sich auf einen bisher nicht erklommenen Höhepunkt. Sein Puls hämmerte das Blut mit Rekordgeschwindigkeit durch seinen Körper und ließ ihn einen unangenehmen Druck auf seinem unteren Hals und seinen Schläfen empfinden. Sein Verstand riet ihm jetzt eindringlichst zu gehen und den kommenden Tag abzuwarten. Seine Natur gegebene Neugierde befahl im jedoch zu bleiben und abzuwarten wie sich die Situation weiter entwickeln würde.
Minutenlang geschah gar nichts, doch dann wurden plötzlich Schritte von der Brüstung der Stadtmauer laut.
„Wer da und was ist euer Begehr“ tönte die Tenor Stimme eines Wachmanns von oben herab. Darauf hatte er gewartet. Die beiden Vögel - wie die sie Zelgadis nun gedanklich bezeichnete, um ihnen etwas entschärfendes zukommen zu lassen – waren abgelenkt, das hoffte er zumindest. Das wiederum gab ihm die Gelegenheit noch näher an sie heranzuschleichen um vielleicht mehr von ihrer Gestalt und ihrem Aussehen zu erkennen.

















