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kleine unfertige geschichte

Mitglied-46925.08.2004, 21:22 Uhr
während meiner zeit als staffi hatte ich einenfigur geschaffen die ich aus mangel an zeit zum spielen leider hauptsächlich im forum entwickeln konnte. darum sind ein paar geschichten entstanden die teilweise mit kleinen 'rp-fördersituationen' in verbindung standen zum anderen teil nur af dem papier existerten.
da ich den char mittlerweile schon auf einigen shards spielen wollte gibt es auch die geschichte schon in ein paar foren, vielleicht findet sie hier ja doch noch jemand lesenswert.
trotz mehrfachen korrekturlesens sind mit sicherheit noch immer rechtschreib- und grammatikfehler im text vorhanden. man möge versuchen sich von ihnen nicht aus dem konzept bringen zu lassen :)

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\"Mondgesicht erzähle doch noch einmal die Geschichte wie du zu deiner Narbe kamst!\" Spöttisch sah der König auf den buckligen Narr hinab. Trotz des schallenden Lachens hatte Mondgesicht gelernt an der Bewegung der buschigen Augenbrauen zu erkennen, dass der König keinesfalls in heiterer Stimmung war und keinen Widerspruch duldete. Tief verneigte sich Mondgesicht und konnte nur mit Schwierigkeiten das Gleichgewicht halten. Nein er wollte nicht kopfüber über den Boden rollen und den hohen Herrschaften eine weitere Vorführung seiner Tollpatschigkeit liefern. Das was ihm nun bevorstand war erniedrigend genug und im Stillen glaubte Mondgesicht der König wusste wie groß die Schmach für ihn war und dass er die Geschichte nur forderte um den Narr zu quälen. Das wiehernde Lachen der Königin erfüllte den Thronsaal und ihre kalten hellblauen Augen verfolgten spöttisch den Narren - wie er dieses widerliche, selbstsüchtige Weib hasste.
Mondgesicht schloss die Augen um den Groll hinunter zu schlucken und seine Gedanken zu sammeln.

Er hatte nicht immer Mondgesicht geheißen. Einst hatte ihm seine Mutter einen anderen Namen geschenkt, doch diesen verlor er als er dieses abscheuliche Narrenkleid anlegte. Noch deutlich erinnert er sich an das Zittern als er das bunte Gewand mit all den Glöckchen zum ersten Mal trug. In diesem Moment hatte er aufgegeben: sich selbst und seine Träume - und war zu einem Hampelmann geworden.
Er hatte lange versucht zu beschreiben, was passiert war, doch fand er nie die richtigen Worte. Am ehesten passte der Vergleich mit dem Wanderer der erst über die weite Ebene streifte und nur seinem eigenen Willen folgte und plötzlich einen engen Bergpass erreichte der ihm nur eine einzige Möglichkeit ließ voranzukommen. Der Wanderer musste diesem Weg folgen, egal ob er wollte oder nicht. Es gab keinen Weg zurück, man konnte nicht zur Seite ausbrechen sondern musste der Linie folgen, die andere gezeichnet hatten.
Doch was war ihm damals schon anderes geblieben als ein grinsender, sabbernder, Kunststücke vorführender, singender, keifender Narr zu werden - er war zu klein um ein Schwert zu schwingen und seine kurzen krummen Beine waren für keine harte Arbeit geeignet. Doch die Finger waren flink und die Zunge war spitz. So lernte er den hölzernen Instrumenten wohlklingende Töne zu entlocken und begann seine Zunge als Waffe gegen die gaffende Menge einzusetzen.
Gern redete er sich ein, dass die Erinnerungen an seine Kindheit langsam verblassten, doch meistens war seine Selbsttäuschung nicht sehr erfolgreich. Er sah genau vor sich, wie er damals hinauf auf die Felsen geklettert war. Die Beine schmerzten vor Anstrengung und doch entschädigte ihn der Ausblick für alle Qualen. Unter sich sah er das Dorf liegen. Kleine Hütten aus dunklem Holz. Raucht kämpfte sich aus schmutzigen Kaminen hervor und unruhig flackerten Lichter hinter den Fenstern. Männer die Felder bestellten, Frauen die Kühe molken, Kinder die vor den Stufen der Hütte im Sand spielten. Familien. Sie gehörten zusammen - man sah es ihnen an. Wie ein großer Kessel Eintopf - Kartoffeln, Möhren, grüne Bohnen, Speck alles gehörte zusammen. Und er? Wenn er besonders niedergeschlagen war verglich er sich mit dem Lorbeerblatt, das eine Weile mit den übrigen Zutaten im Topf schwimmen durfte, vor dem Verzehr ab sorgsam entfernt wurde. In weniger trüben Momenten schloss er einfach die Augen, ließ sich auf die Wiese fallen, spürte die Sonne über sein Gesicht streichen und träumte. Träumte davon einer von denen da unten zu sein. Der Mann der die Kartoffeln pflanzte oder der dicke Müller der immer einen Scherz auf den Lippen hatte oder der alte Mann der am Feuer saß und Geschichten erzählte...Träume - die Wirklichkeit lässt sie zerplatzen wie Seifenblasen. Und so verließ er eines Tages das Dorf und legte das Narrenkostüm an. Irgendwie kam er an den königlichen Hof. Und wenn man nicht zu sehr über das nachdachte was man tat ließ es sich ganz gut aushalten. Er speiste an der königlichen Tafel, trank vom herrschaftlichen Wein und durfte die Adligen und Lords des Landes unterhalten.
Doch trotz allem war er ein Mann. Und eine starke Kraft in ihm drängte ihn - ließ ihn wissen, dass da etwas fehlte und lange suchte er bis er schließlich fündig wurde. In den Hurenhäusern der Hauptstadt lernte er mit manchem Goldstück die Lücke zu füllen die sich in ihm aufgetan hatte und trotzdem dürstete ihn nach mehr.
Und dann eines Tages tauchte sie in der Burg auf. Eine Tochter irgendeines unbedeutenden fernen Adligen. Offiziell war sie ein Mündel des Königspaares doch wusste ein jeder dass sie nur eine hochwohlgeborene Geisel war, die den Frieden zwischen den beiden Häuser sichern sollte.
Und als er sie zum ersten Mal sah wusste er was ihm solange gefehlt hatte. Er sah ihre traurigen rehbraunen Augen und wusste sie fühlte sich genauso ausgestoßen wie er. Sie war wie er auf der Suche nach...ja wonach? Liebe? Zuneigung? Heimat? Welches Wort man auch finden mochte es änderte nichts, er fühlte wie im ersten Moment ein Faden zwischen ihnen beiden gesponnen wurde der mit jedem Tag stärker wurde. Denn wann immer er sich unbeobachtet fühlte umsorgte er sie liebevoll, suchte ihre Nähe, versuchte ihre Traurigkeit zu verscheuchen. Das Band wurde mit jedem gemeinsamen Moment stärker und schon bald erwiderte sie seine Blicke. Lachte sie über seine schüchternen Scherze. Ergriff sie unbewusst seine Hand.
Er wurde der Verschwiegenheit überdrüssig. Die Träume von der Familie suchten ihn jede Nacht heim. Die wenigen gemeinsamen Minuten stillten nicht seinen Durst nach ihr.
So suchte er eines Abends etwas Mut in einem Weinschlauch und machte sich auf zum Thronsaal. Der König und seine Gemahlin hatten Hof gehalten und befanden sich zusammen mit einigen Lords vor dem großen Kamin und sprachen über die weniger wichtigen Dinge des Alltags am Hofe.
Sie stand neben dem Königspaar und lächelte als er die großen schweren Holztüren durchschritt. Langsam bewegte er sich auf sie zu. Er schloss die Augen und aus seiner kleinen verkümmerten Gestalt erwuchs ein edler Ritter, der watschelnde Gang wurde zu einem entschlossenen Schreiten. Die schmale kränkliche Brust erschien muskulös und von stolz erfüllt...und dann stolperte er über seine eigenen krummen Beine und der anmutige Ritter wurde wieder zum närrischen Zwerg der tollpatschig über den Boden rollte bevor er mit dem Kopf hart auf die Steinstufen aufschlug. Mühsam hob er den Kopf und sah zu ihr auf. Er sah Besorgnis in ihrem Blick und spürte wie Blut an seiner Schläfe hinunterlief. Mühsam richtete er sich auf. Ließ sich dann vor ihr auf die schmerzenden Knie fallen, ergriff ihren zarten kalten Hände und begann mit brüchiger Stimme zu reden: \"Isabella, dein ist mein Herz. Dein Lächeln erfüllt mich mit Leben, deine Augen sind meine Zukunft. Ich...ich weiß ich bin von geringer Herkunft und deiner nicht würdig aber ich kann ohne dich nicht sein und ich spüre, nein ich hoffe dir ergeht es ähnlich. Ich gelobe mich dir an und schwöre auf ewig über dich zu wachen und ...\" Er stockte und hatte all die gut gewählten Worte vergessen. Ängstlich sah er zu ihr auf, doch ihr Lächeln und das Strahlen ihrer Augen ließ seine Angst dahin schmelzen.
Und dann hörte er es - das wiehernde spöttische Gelächter der Königin, sie zeigte mit dem Finger auf ihn und ihr edler Gemahl fiel mit dröhnendem Bass in ihr Gelächter ein. Isabella warf einen unsicheren Blick auf das lachende Königspaar dann sah sie erneut zu ihm hinab und ihr Blick schmerzte mehr als aller Spott. Mitleid. Mitleidig blickte sie ihn an, er sah wie verräterische Tränen in ihren Augen wuchsen, spürte wie seine eigenen Tränen sich mit dem Blut vermischten und dann wandte sie sich von ihm ab und verließ eiligst den Thronsaal.
Danach hatte er sie nicht mehr gesehen, doch die Narbe über seinem Auge ließ ihn die Schmach nicht vergessen. Er spielte den Narr. Stolperte, Hüpfte, Sang, Lachte, Riss Possen, spielte seine kleine Handharfe und ertrug alles Gelächter das über ihn ausgeschüttet wurde.
Und immer wenn der König beschloss besonders grausam zu sein ließ er ihn die Geschichte erzählen...die Geschichte der Narbe...so wie jetzt.

Langsam öffnete Mondgesicht die Augen und sah die erwartungsvollen höhnischen Blicke des Königspaares und seiner Gäste schon setzte er an um sich ein weiteres Mal demütigen zu lassen. Er öffnete den Mund doch kamen Worte über seine Lippen die der Königin den Spott aus den Augen trieb.

Worte die sein verletzter Stolz herausschrie, beleidigend und voller Hass. Hass auf sich selbst und auf sein Leben. Der Schreck ließ die edlen Herren erstarren und so schlich sich Mondgesicht davon bevor die Suche nach dem Königsverräter begann. Er schlich sich aus der Burg und verschwand im nirgendwo.

Tag 3 des Lebens ohne Narrenkappe

Liebes Tagebuch,

Oh man ich höre mich an wie eine zehnjährige Prinzessin die gleich beginnt von dem edlen Prinzen mit den strahlend blauen Augen zu schwärmen aber irgendwie muss man ja beginnen, also:

Liebes Tagebuch,

Ich habe heute beschlossen dich zu schreiben, da ich wohl nach derzeitiger Lage nicht mehr lange fähig sein werde meine Gedanken schriftlich oder mündlich von mir zu geben (Bitte verzeih mir meinen Galgenhumor aber wie sonst soll ich diese Situation ertragen?)

Als ich mich vor nunmehr drei Tagen von der Dame verabschiedete, deren Namen ich leider nicht weiß - war ich zu sehr damit beschäftigt meine Angst zu pflegen als dass ich ihre Vorstellung vernahm oder nannte sie mir ihren Namen nicht? Auch sonst war sie recht geheimnisvoll es würde mir schwer fallen sie näher zu beschreiben. Das einzige was mir in Erinnerung geblieben ist sind diese Augen die so...mir fehlt an dieser Stelle das richtige Wort, aber sei dir gewiss dass diese Augen etwas ganz besonderes hatten... war es beängstigend oder atemberaubend schön? Jugendlich leichtsinnig oder von Weisheit gezeichnet? Ich war wohl wirklich zu sehr mit mir selbst beschäftigt und meine Erinnerungen sind getrübt.
Nun wo war ich? Achja, als ich mich also von der Dame verabschiedete und langsam dem gezeigten Weg in Richtung des Handelspostens folgte merkte ich wie meine Entschlossenheit mit jedem Schritt hinter mir zurückblieb bis sie schließlich gänzlich hinter der letzten Wegbiegung verschwunden war.
Ängstlich sah ich mich um. Zwischen diesen riesigen Bäumen fühlte ich mich noch kleiner und völlig fehl am Platz. Jedes Geräusch ließ mich vor Schreck herumfahren, selbst die Luft roch anders. Ich sehnte mich nach der Vertrautheit meines alten Lebens zurück. Sogar das widerliche Lachen der Königin wäre mir jetzt willkommen gewesen, denn so erniedrigend mein Leben damals auch war so hatte ich doch zumindest meinen festen Platz in der Welt - ich wusste wo ich stand und kannte den Rahmen meine Möglichkeiten. Doch nun treibe ich völlig orientierungslos in einer mir gänzlich unbekannten Umgebung.
Irgendwie schaffte ich es mich wieder in Bewegung zu setzen und ich folgte dem Weg bis ich schließlich die fast zugewachsenen hölzernen Tore des Handelspostens erreichte.
Ich bemerkte Augen die mich aus dem Grün der Bäume heraus beobachteten. Laut fragte ich die gespenstischen Augen, ob ich den Ort betreten dürfe, doch erhielt ich keine Antwort.
Zögernd durchschritt ich das Tor und wurde zu meiner Überraschung und Erleichterung nicht mit einem Pfeil im Rücken begrüßt.
Ich brachte weder Kraft noch Mut auf mich den halb verfallenen Hütten weiter zu nähern und verkroch mich erschöpft unter einem niedrigen Busch. Die Dunkelheit umgab mich sofort, der erlösende Schlaf erst einige von düsteren Grübeleien erfüllte Stunden später.

Als ich am nächsten Morgen erwachte fand sich in meinem Lager eine hölzerne Schale mit Früchten. Misstrauisch blickte ich mich um doch schließlich ließ mich der Hunger das Dargebotene vorsichtig probieren nur um es wenige Momente später in kürzester Zeit in mich hineinzustopfen. Nach einer oberflächlichen Reinigung in einem kleinen Teich durchforstete ich den verlassenen Handelsposten. Ihn als Dorf zu bezeichnen wäre als würde man einen trockenen Kanten Brot als Festmahl bezeichnen. Ich durchsuchte die verfallenen Hütten sorgsam nach Brauchbarem und fand schließlich in einer etwas weniger verfallenen Behausung den alten Joseph. Joseph musste älter als die meisten Bäume der Umgebung sein, denn er erinnerte sich lebhaft an die letzten 400 Jahre Geschichte dieses Fleckens, die er mir dann auch mit großer Begeisterung berichtete. Trotz allem sei gesagt dass Joseph ein großartiger Kerl ist. Mit leuchtenden Augen betrachtete er die kupfernen Schellen an meinem Gewand und als ich die schrecklichen Dinger abriss und ihm als Geschenk überreichte, lächelte er mich dankbar mit seinem zahnlosen Mund an und versprach, mir einen Bogen anzufertigen, denn einst war er wohl ein großer Bogenbauer. Als ich ihm meine doch recht kurz geratenen Arme zeigte kam er erst ins Grübeln, meinte dann aber das würde er schon irgendwie hinbekommen.
Ich beschloss, dass ich mich in Joseph Nachbarschaft wohlfühlen könnte und richtete mich in der Hütte gleich neben Joseph ein. Nachdem ich meine vier- und sechsbeinigen Vormieter mithilfe eines Brettes und geschlossener Augen ins Jenseits beziehungsweise an die frische Luft befördert hatte, sorgte ich für ein wenig Ordnung und richtete mir einen Schlafplatz her. Erstaunlich wie wenig man über die Ausweglosigkeit seiner Situation nachdenkt wenn man beschäftigt ist und noch erstaunlicher wie schnell man dieses wieder aufholt wenn man regungslos auf einer übel riechenden Decke liegt und dem Getrappel der Beine sämtlicher zoologischer Besonderheiten der Gegend lauscht.

Als ich heute aufwachte, tropfte Regenwasser (so hoffe ich) in mein Gesicht und ich beschloss als erstes zu versuchen das löchrige Dach behelfsmäßig abzudichten. Mit war zwar noch nicht ganz klar, wie ich das Dach erreichen sollte, aber dafür würde man bestimmt nach dem Frühstück eine Lösung finden. Nahrung gab es hier offenbar ausreichend und sehr sonderbar, dass sie stets in einer hölzernen Schale direkt neben meiner Schlafstatt zu wachsen schien. Was bringt es schon, über Dinge nachzudenken die einem den Magen füllen?
Nach dem Frühstück suchte ich meinen neuen Freund auf, der offenbar die Nacht mit Schnitzen verbracht hatte, denn er präsentierte mir stolz meinen neuen Bogen. Nun gut er sieht wie ein Spielzeug aus und ist ungefähr halb so groß wie ein normaler Bogen, aber es ist ein Waffe.
Um nicht ganz nutzlos zu sein beschloss ich auf die Jagd zu gehen und wagte mich tatsächlich mit Bogen und Köcher bewaffnet hinaus in die Wildnis vor dem schützenden hölzernen Wall. Ich muss dir wohl nicht erzählen, dass ich im Pirschen so geübt bin wie ein Stein im schwimmen und so wird es dich auch nicht verwundern, dass ich heute recht wenige Bewohner des Waldes zu Gesicht bekam. Als ich schließlich einen Hasen fand, der entweder zu faul oder aber zu alt war um vor mir zu fliehen, spannte ich in großer Erregung den neuen Bogen und ließ einen Pfeil von der Sehne schnellen. Nun ja zumindest die Richtung hatte schon fast gestimmt. Mühsam erhob sich der Hase, sah zu dem Pfeil der einige Schritte von ihm entfernt im Gras lag und hoppelte etwas weiter in den Wald hinein. Dieses Spiel wiederholte sich einige Male, bis ich den größten Teil meiner neuen 30 Pfeile verschossen hatte. Zu diesem Zeitpunkt meinte offenbar das Glück, Mitleid mit mir haben zu müssen und lenkte einen Pfeil auf den Hasen zu. Das Tier war dem Anschein nach genauso überrascht wie ich und sackte ohne eine Regung tot in sich zusammen.
Eigentlich sehr schade dass der verwilderte Hund das tote Tier vor mir erreichte und mir nichts anderes übrig blieb als zuzusehen wie meine Jagdbeute im Maul eines anderen im Wald verschwand.
Etwas niedergeschlagen sammelte ich die restlichen verstreuten Pfeile auf und begab mich dann zurück zu Joseph. Als ich ihm von meinen Erlebnissen berichtete, meinte er nur das unsere Gastgeber (dabei deutete er auf die Bäume - manchmal macht er mir echt Angst) sicher nicht glücklich gewesen wären wenn ich ein erlegtes Tier ins Lager gebracht hätte.
Joseph versprach mir morgen eine Aufgabe zu zeigen der ich gewachsen bin und nun bin ich voller Erwartung hier und schreibe dich, mein liebes Tagebuch.
Ich werde mich gleich zu Bett begeben und von handlosen Armen und kopflosen Zungen Träumen und dann werden wir sehen was der morgige Tag bringt.
Also gute Nacht! (ist es eigentlich ein Anzeichen geistiger Verwirrtheit, wenn man mit einem Buch redet?)

Tag 4 des Lebens ohne Narrenkappe

Huhu liebes Tagebuch,

da bin ich wieder. Wie geht es dir? Mir geht es gut. Das Wetter ist absolut widerlich. Bis Bald!

Nee war nur ein Scherz...Also der Tag heute war...nun ja gewöhnungsbedürftig. Ich wurde von dem hier üblichen Regentropfen in meinem Gesicht geweckt und nahm mir vor dafür zu sorgen dass das Dach repariert wird. Dann entdeckte ich die schale mit den Früchten und stopfte sie in mich hinein (oh wer hätte gedacht wie sehr man eine gebratene Lammkeule vermissen kann?). Dann ging ich rüber zu Joseph der offenbar schon auf mich wartete, denn ich hatte noch nicht ganz seine Hütte betreten als er mich überschwänglich mit einem \"Lass uns gleich aufbrechen\" begrüßte. Gut also drehte ich mich ohne Erwiderung um und schritt hinaus in den Regen. Ich hätte nicht gedacht eines Tages froh über die Narrenkappe zu sein, aber nachdem mich Joseph mehrere Stunden durch den Wald geführt hatte und derart viel Regen auf mich einprasselte, dass in mir wieder die Hoffnung keimte ich könnte doch noch ein wenig wachsen, war ich doch recht dankbar für den nassen Stoff der die faustgroßen Tropfen daran hinderte direkt auf meinen kahlen Kopf einzuschlagen. Nach Stunden endlosen Dahinschleppens durch vor Feuchtigkeit triefendes Gestrüpp bei dem mein Gesicht Bekanntschaft mir unzähligen peitschenden Zweigen gemacht hatte erreichten wir schließlich eine Lichtung. Nachdem mir Joseph erklärt hatte dass wir nun weit genug vom Gebiet unserer Gastgeber entfernt wären deutete er auf einen Baum und drückte mir eine Axt in die Hand. Bitte glaub mir ich gab wirklich mein Möglichstes um das Ding anzuheben und ich hatte es auch bis zum Baum geschleift, nur als ich sie dann über meinen Kopf hob um mit Schwung zuzuhauen kippte ich irgendwie nach hinten über und landete mit meinem nassen Gewand auf dem noch nasseren Waldboden. Als sich Joseph wieder beruhigt hatte und das Echo seines Lachens verklungen war, half er mir auf und zeigte mir wie ich mich hinstellen müsse um einen festeren Stand zu haben. Auf sein Drängen hin versuchte ich es erneut und traf überraschender Weise sogar den Stamm des Baumes wie mir das schmerzhafte Vibrieren in meinen Armen bestätigte. Einige Zeit später sah ich wie gebannt zu als der Baum umstürzte. Ich hatte einen Baum gefällt!!! Gut gut es war eine recht dürre Birke aber trotzdem ein Baum. Joseph zeigte mir wie die Äste vom Stamm zu entfernen waren und ließ mich anschließend den Stamm in handliche Teile zerlegen.
Zu meiner großen Erleichterung erklärte mir mein neuer Freund dass er nicht vorhatte das Holz heute mit ins Lager zu nehmen. Aber auch ohne die Last des geschlagenen Holzes wurde der Rückweg durch den aufgeweichten Waldboden recht mühsam. Meine Beine schmerzen und die letzten Schritte schaffte ich nur noch aufgrund der Aussicht auf eine halbwegs trockene Schlafstatt.
Joseph half mir noch ein wärmendes Feuer in meiner Hütte zu entzünden und ließ mich dann mit meinen geschundenen Gliedmaßen allein.
Und obwohl ich kaum die Augen aufhalten kann schreibe ich dir. Ist doch nett, oder? Ich hoffe du bist mir nicht böse, wenn ich nicht erwähne wie beschämend es ist zu nichts zu gebrauchen zu sein. Wie überflüssig man sich fühlt wenn man keine Aufgabe hat und wie wenig einen am Leben hält wenn man des Nachts über all diese Dinge nachdenkt.
Nun wie heißt es so schön? Der Morgen kommt bestimmt und dieses Selbstmitleid wird mir in keinster Weise weiterhelfen. Gute Nacht liebes Tagebuch.

Tag 7 des Lebens ohne Narrenkappe

Hallo liebes Tagebuch. Bitte verzeih, dass ich mich so lange nicht mehr gemeldet habe.

Als ich neulich morgen aufwachte und wie gewohnt rüber zu Joseph schlenderte, musste ich feststellen, dass der Greis nicht wie üblich bereits frohgemutes seiner wie auch immer gearteten Arbeit nachging, sondern noch in die alten schäbigen Felle gehüllt in seiner Schlafecke lag. Besorgt näherte ich mich ihm, doch auf mein freundliches \"Guten Morgen\" antwortete er nur mit einem keuchenden Husten. Hastig kniete ich mich zu ihm nieder und befühlte seine Stirn, die kochend heiß war. Joseph zitterte und Speichel lief aus seinem alten zahnlosen Mund. Hastig durchforstete ich mein Hirn nach dem bisschen Heilkunst, das ich aufgeschnappt hatte und sah mich suchend in der Hütte des Greises um. Das Feuer war niedergebrannt, die Luft war kalt und feucht und roch nach altem Schweiß und menschlichen Exkrementen.
Ich riss das alte dreckige Fell herunter, das die Tür der Hütte darstellte um frische Luft hereinzulassen und entfachte dann mühsam das Lagerfeuer.
Joseph war dürr und abgemagert und doch bereitete es mir enorme Schwierigkeiten ihn in die Nähe des Feuers zu zerren und ein weiteres Mal verfluchte ich meinen missgebildeten Körper. Als ich ihn schließlich zum wärmenden Feuers geschleift hatte holte ich etwas frisches Wasser vom Dorfteich und erhitzte es über der Kochstelle.
Vorsichtig wusch ich Josephs Stirn, seine Arme und den Rest seines uralten Körpers. Die Haut war dunkel verfärbt, runzlig und fühlte sich an wie Leder. Der muffige Geruch nach Schweiß und Krankheit raubte mir beinahe das Bewusstsein. Ich holte die Felle aus meiner Hütte die etwas weniger vermodert waren als die von Joseph und breitete seine in der Sonne aus, dann setzte ich mich neben ihn, hielt seine Hand und bete zu allen mir bekannten Göttern. Als ich neben ihm an dem knisternden Feuer saß und hinaus in die Sonne starrte wurde mir bewusst, wie klein meine Welt geworden war und dass Joseph der einzige Mensch war, der sich in meiner Reichweite befand, mal von unseren unsichtbaren Gastgebern abgesehen.
Ich fürchtete auch noch dieses letzte bisschen Normalität zu verlieren und traute mich nicht Josephs Lager zu verlassen. Bis in den späten Abend saß ich so da und war in dunklen Grübeleien versunken. Meine Finger streichelten über die Haut des Alten. Als sie die aufgesprungenen spröden Lippen berührten, wurde mir endlich klar dass der fiebernde Greis dringend Wasser benötigte. Ich schalt mich den größten Dummkopf der auf Erden wandelt und hastete zum Dorfteich. Als ich den verbeulten Eimer in Wasser tauchte horchte ich auf.
Schritte!
Erschrocken sah ich mich um und warf mich ich ein Gebüsch das direkt neben dem Wasserloch wuchs. Gehetzt wanderten meine Blicke durch das heruntergekommene Dorf. Es dämmerte bereits und die verfallenen Hütten waren von düsteren Schatten umgeben.
Dann sah ich sie. Eine verhüllte Frau die sich suchend umblickte und den verlassenen Handelsposten durchquerte. Ich hielt den Atem an und wagte nicht mich zu bewegen.
Noch Minuten nachdem sie mein Blickfeld verlassen hatte lag ich bewegungslos in dem Gesträuch. Nur zögernd kroch ich hervor, begutachtete hastig die aufgeschürfte Haut an meinen Ellebogen und Knien, füllte den Eimer umgestürzten Eimer erneut mit Wasser und flüchtete in Josephs Hütte.
Nachdem sich mein Atem beruhigt hatte flößte ich dem Alten vorsichtig das Wasser ein. Er hustete und übergab sich. Als ich seinen Mund gesäubert hatte versuchte ich erneut etwas Wasser in seinen ausgetrockneten Mund zu träufeln bevor ich mich erschöpft neben ihn legte. Meine Hand umklammerte die seine und ich bin mir nicht sich wer wem Trost spenden sollte.
In dieser Nacht schreckte ich bei jedem Geräusch aus dem Schlaf, bis ich schließlich bis zum Morgengrauen mit offenen Augen dalag und die löchrige Hausdecke anstarrte. Zumindest blieben mir so die Träume von abgetrennten Gliedmaßen erspart.
Als der Morgen graute hatte ich bereits frisches Wasser geholt und war dabei es langsam in Josephs Mund tropfen zu lassen. Sorgfältig wusch ich den zerbrechlichen Körper. Schließlich kam mir die Idee dem Alten etwas Nahrung zu geben. Gründlich kaute ich die frischen Früchte vor, bevor ich sie Joseph einflößte. Dann saß ich wieder still neben ihm, hielt seine Hand und betete.
Erst in den angespannten Stunden neben dem Körper des Greises wurde mir die Bedeutung der vermummten Frau klar. Sie war auf der Suche nach mir. Wollte mich zurück in meine Welt führen. Die Welt die ich kannte. Königshäuser, Weinfässer, Wachsoldaten, Heiler, Lammkeulen, Steinmauern und Marktschreier.
Erneut keimten Zweifel in mir. Vielleicht würde mich der König begnadigen. Hier in diese Wildnis gehörte ich nicht. Und wenn Joseph mich nun auch noch verlassen würde wäre ich völlig auf mich allein gestellt. Ich müsste auf meinen eigenen kurzen krummen Beinen vor den Gefahren fliehen und mit meinen schwächlichen dürren Armen Nahrung heranschaffen. Nein hier gehörte ich wahrlich nicht her. Ich war zum Leben in der Stadt geschaffen. Ein Gaukler, ein Narr der andere unterhielt. Über den andere lachten - den andere auslachten.
Die Erinnerungen an die Erniedrigungen erwachten in mir und mit ihnen wurde auch mein Kampfeswille geweckt. Ich würde dieses spottenden, geifernden, hochmütigen Herrschaften beweisen dass ich zu mehr fähig war als vor ihnen ungeschickt auf den Boden zu fallen. Zumindest hoffte ich dass ich zu mehr fähig war.
Von Zweifeln geplagt fiel ich irgendwann in einen unruhigen Schlaf.
Als ich heute Morgen aufwachte schien bereits die Sonne in die Hütte herein. Ich sprang auf und holte frisches Wasser. Doch als ich es Joseph zu trinken geben wollte, öffnete dieser die Augen und sah mich mit getrübtem Blick an. Vor Schreck hatte ich die Schale fallen gelassen, die ich schleunigst wieder füllte und an seine Lippen hielt. Gierig trank der alte Mann das kühle Wasser. Glücklich sah ich auf ihn hinab. Er war zurück.
Auch den Rest dieses Tages verbrachte ich an seiner Seite. Wenn er wach war lauschte ich seiner brüchigen Stimme, wie sie Geschichten aus längst vergangener Zeit erzählte. Wenn er schlief hielt ich seine Hand.
Nun ist es Abend geworden und Joseph schläft. Sein Atem geht ruhig und das Fieber scheint zurückgegangen. Frag mich nicht warum, aber dieser alte Kerl bedeutet mir wirklich viel.
So nun leg ich mich aber hin. Ich hab ne Menge Schlaf nachzuholen. Bis Morgen.

Tag 9 des Lebens ohne Narrenkappe

Hallo mein Tagebuch,

Langsam werde ich nachlässig, was? Schon wieder ein Tag, an dem ich nicht zum Schreiben kam. Ich glaub es liegt daran, dass ich mich langsam mit meiner Situation hier in der Wildnis abfinde. Gestern der Tag war eigentlich richtig schön ich habe mich trotz all der widrigen Umstände richtig wohl gefühlt und doch ist mir klar, dass dies nicht ewig so weitergehen kann. Der König wird seine Suche nach dem Hochverräter sicher nicht aufgeben und irgendwann wird man mich hier finden. Und was sollen ein Krüppel und ein alter Greis schon gegen die geballte Macht des Königreiches ausrichten?

Egal, der Reihenfolge nach:
Als ich gestern Morgen neben Joseph aufwachte, stellte ich zu meiner Erleichterung fest dass er ruhig atmete und von dem Fieber keine Spur mehr zu erkennen war. Nachdem wir zusammen am Feuer Obst gefrühstückt hatten (Lammkeule, Lammkeule, Lammkeule, Lammkeule), deutete der alte Mann auf einen Stapel trockenes Holz das verborgen zwischen allerlei Krimskrams in der Hütte aufbewahrt wurde und bat mich einen Scheit zu holen. Wahllos griff ich in den Haufen und brachte ein besonders knorriges Stück. Joseph grinste mich schief an und ließ mich neben ihm Platz nehmen. Dann drückte er mir ein altes aber sehr gut gepflegtes Messer in die Hand und sah mich erwartungsvoll an. Ich muss ihn wohl etwas ungläubig angestarrt haben denn er brach in ein wildes Kichern aus. \"Nun schnitz schon!\" Völlig verdattert versuchte ich ihm zu erklären, dass ich nicht schnitzen könne. Doch er schüttelte energisch den Kopf und meinte man müsse nur spüren können was das Holz wolle, der Rest würde dann von ganz allein kommen. 'Er scheint schon recht lange allein mit den Bäumen zu leben.' dachte ich mir im Stillen und doch folgte ich seinen Anweisungen und wog den Scheit in der Hand, fuhr mit den Fingern die Maserung nach und strich sanft über die trockne, harte Oberfläche. Joseph sprach vom Willen des Holzes seine wahre Gestalt an die Oberfläche zu bringen und meinte man müsse nur gut genug lauschen um zu erfahren was das Holz wolle. Einen anderen hätte ich an den alten Thomas, den Heiler am Königshofe verwiesen, aber da Joseph der einzige Mensch in meinem mittlerweile recht einsamen Leben war und ich ihn nun recht gern mag, tat ich ihm den Gefallen, schloss die Augen und versuchte herauszufinden was das Holz wohl wolle. Das einzige was bei meinen Grübeleien herauskam war 'Lammkeule', aber das sagte ich Joseph nicht, sondern nahm das Messer zur Hand und begann vorsichtig an dem Scheit zu schnitzen. Erst noch sehr vorsichtig, da ich jeden Moment damit rechnete einen meiner Finger zu verlieren, doch schon bald schweiften meine Gedanken ab und das Messer bearbeitete wie von selbst das Holz in meiner Hand. So saß ich gestern fast den ganzen Tag. Wenn Joseph wach war erzählte er mir Geschichten aus der Zeit der Blüte dieses Handelspostens und über den jungen geschickten Handwerker der er damals war. Wenn er schlief saß ich still da, ließ meine Hände das Holz bearbeiten und meine Gedanken im seichten Wasser des ruhigen Lebens in der Abgeschiedenheit dahin treiben. Ich hab keine Ahnung ob ich heute Nacht geschlafen habe, aber ich glaube ich bin vor Morgengrauen kurz eingenickt.
Heute regnete es den ganzen Tag und ich war froh die Arbeit nicht unterbrechen zu müssen. Dort musste noch ein Stückchen Holz entfernt werden, da die Maserung etwas besser zur Geltung bringen, hier fehlt eine kleine Vertiefung. Das Stück Holz nahm in meiner Hand Gestalt an und ich merkte wie die düsteren Grübeleien langsam vor Langeweile mein Hirn verließen. Heute gegen Mittag hatte ich meine Arbeit beendet und zeigte Joseph voller Stolz mein Werk.
Sein zahnloses Grinsen steckte voller Freundlichkeit und ich nahm ihm sein \"Naja, wird schon noch.\" in keiner Weise übel. Das Ganze war wirklich etwas klobig geraten und doch konnte man recht deutlich erkennen worum es sich handelte. Auch wenn der Hahn nur ein Bein hatte so streckte er doch die vor Stolz angeschwollene Brust hervor, reckte den Hals zur Sonne und begrüßte den Morgen mit einem nicht zu überhörenden Krähen.
Ich war recht zufrieden und hielt das Tier zärtlich in meiner Hand verborgen.
Nach dem Mittag (dreimal darfst du raten was es nicht gab) Zeigte mir Joseph wie man das Holz poliert und wie man die poröse Oberfläche mit Wachs versiegelt und so vor Feuchtigkeit schützt.
Dann musste ich nach seinen Anweisungen ein Gebräu kochen, das aus heißem Wasser und einigen Kräutern bestand und einfach nur widerlich schmeckte. Trotzdem war es seit langem einer der schönsten Momente als wir gemeinsam an dem Feuer saßen, hinaus in den Regen starrten und an dem schrecklichen Sud nippten.
Jetzt liege ich hier, schreibe dir und frage mich wie lange es noch dauern wird bis man mich entdeckt und das bisschen Zufriedenheit die ich hier gefunden habe beendet.
Ich werd jetzt versuchen zu schlafen. Bis bald (Ich weiß wenn ich 'Bis Morgen' schreib wird eh wieder was dazwischenkommen)

Verdammte Scheiße, liebes Tagebuch,

Wieso zur Hölle war denn das nun wieder nötig? Hatten die Götter dort oben das Gefühl ich könnte glücklich werden? Man so langsam glaub ich da oben hat man sich gegen mich kleinen Gnom verschworen!!!

Dabei fing der Tag gestern doch eigentlich so schön an. Ausnahmsweise hat es einmal nicht geregnet. Ich frühstückte zusammen mit Joseph, wir sahen hinaus ins Sonnenlicht und er erzählte mir von vergangenen Zeiten.
Gegen Mittag entstand Unruhe in dem verfallenen kleinen Dorf. Männerstimmen durchdrangen die einschläfernde Ruhe. Flugs verkroch ich mich in den hintersten Winkel von Josephs Hütte. Doch der alte Mann meinte nur, dass es wahrscheinlich Händler sein die einige seiner Bögen erwerben wollten und trat mit erhobenem Haupt vor die Tür.
Feige blieb ich im Verborgenen und lauschte dem was geschah. Ich konnte keine Worte verstehen doch war Josephs knarrende aber freundliche Stimme klar zu erkennen. Sie wurde von einem barschen fordernden Bellen beantwortet, das mich zusammenzucken ließ.
Langsam kroch ich zum zugenagelten Fenster und versuchte durch einen Spalt zwischen alten morschen Brettern etwas zu erkennen.
Ich sah Josephs gebeugten Rücken vor mir. Vier Männer mit gezogenen Schwertern schienen ihn zu bedrängen.
Suchend sah ich mich in der Hütte um, nahm dann ohne nachzudenken ein wurmstichiges Stuhlbein in meine zitternden Hände und rannte vor die Tür um Joseph beizustehen.
Stolpernd hastete ich über die Türschwelle und konnte nur schwerlich das Gleichgewicht wahren. Wütend schrie ich die Eindringlinge an: \"Lasst ihn in Ruhe! Sofort!\".
Die vier Gestalten wandten sich mir zu. Der größte von ihnen, ein bulliger Kerl mit schwarzem struppigen Bart kam auf mich zu. \"Ah da ist der Zwerg ja endlich. Ich hatte schon befürchtet uns würde die Belohnung durch die Lappen gehen\" bellte er seinen Kameraden zu und kam weiter bedrohlich auf mich zu. Der Geruch nach uraltem Schweiß und billigen Bier stieg mir in die Nase und ich wagte nicht, mich von der Stelle zu rühren.
Lamentierend versuchte Joseph sich schützend vor mich zu stellen, doch der Schlag einer eisenbehandschuhten Hand traf ihn am Kinn. Knochen knackten und der Alte sackte leblos zu Boden. Im faltigen Gesicht war keine Regung zu sehen als einer der Kerle ihm grinsend in den Rücken trat. Wütend stiegen mir Tränen in die Augen doch die Vier schienen mich in diesem Moment nicht zu beachten.
Der große Bärtige knurrte seinen Kumpanen Befehle zu und meinte sie sollen dem alten Tattergreis eine bleibende Erinnerung verpassen.
Erstarrt musste ich mit ansehen wie Fackeln entzündet und in einem hohen Bogen auf das Dach von Josephs Hütte geschleudert wurden. Trotz des Regens der letzten Tage fing das Stroh Feuer und schwarze Qualmwolken stiegen hinauf in den Himmel.
Schon loderte das Feuer immer heller und der morsche Dachstuhl brach zusammen und begrub die Überreste der Hütte unter seinem brennenden Leib.
Die Tränen verwischten mir die Sicht und ich umklammerte krampfhaft das Stuhlbein als ich mir wütend auf den großen Kerl stürzte und versuchte ihm mit aller Wucht gegen das Knie zu schlagen.
Mit einer einzigen Bewegung seiner Hand wischte er mich hinfort und ließ mich in hohem Bogen gegen einen Baum krachen und zu Boden sinken. Als ich mich aufrappeln wollte stellte er seinen schweren Fuß, der in dreckigen Lederstiefeln steckte auf meinen Brustkorb und sah spöttisch zu mir herunter. Er spuckte mir ins Gesicht und meinte ich solle froh sein, dass man mich lebend haben wolle.
Verwundert sah ich wie er sich plötzlich mit einem Fluch auf den Lippen an den Arm griff. Eine Pfeilspitze hatte die ledernen Armschützer durchdrungen und sich tief in das Fleisch seines Oberarmes eingegraben.
Erschrockene Rufe erfüllten die Luft und die vier Halunken drängten sich zusammen, ängstliche Blicke um sich werfend.
Dann ertönte eine Stimme aus einem der Baumwipfel. Die Worte schienen ihm schwer über die Lippen zu gehen als der verborgene Fremde die Eindringlinge bestimmt aufforderte sofort das Land des Volkes des Waldes zu verlassen.
Als der Bärtige erklärte er habe einen Gefangenen gemacht den er ausliefern wolle und mitnehmen würde, surrten mehrere Pfeile von versteckten Bögen und bohrten sich dicht neben den Füßen der vier verängstigten Eindringlinge in den staubigen Boden.
Erneut fluchte der Anführer und warf mir einen zornigen Blick zu. \"Ich werde dich kriegen\" stieß er wütend hervor bevor er sich mit seinen Mannen vorsichtig zurückzog.
Als sie außer Sichtweite waren stürzte ich zu Joseph hinüber, der noch immer reglos am Boden lag. Sein Atem ging flach als ich vorsichtig seinen Kopf zwischen meine Hände nahm und ihn auf meinem Oberschenkel bettete. Reglos saß ich da. Meine Hände streichelten über die ledrige Haut seines Gesichts und meine Augen kämpften mit den Tränen. Ich musste mit ansehen wie Josephs Hütte bis auf die Grundmauern nieder brannte. Die Stimmen in den Baumkronen waren verschwunden und einsam war ich als es zu dämmern begann. Als Joseph sich regte wusste ich kaum darauf zu reagieren. Doch der Alte stemmte sich mit lautem Geschimpfe vom Boden auf und sah sich um. Als er die zerstörte Hütte sah wurde er sehr still bevor er sich zu mir umdrehte und meinte, dann würde er sich eben ein neues Haus suchen müssen - und doch sah ich die Tränen in seinen Augenwinkeln.
Ich bereitete ihm ein Lager in der Hütte in der ich die ersten Nächte verbracht hatte und fand dort den Bogen den mir Joseph geschnitzt hatte und den ich nach der ersten erfolglosen Jagd dort liegen ließ. Fest presste ich den Bogen an meine Brust als ich mich neben dem Alten legte und versuchte zu schlafen.
Doch der Schlaf wollte nicht kommen. Zu viele Gedanken schwirrten in meinem Kopf.
Beinahe wäre Joseph gestorben - wegen mir. Erst jetzt wurde mir klar welcher Gefahr ich den alten Mann ausgesetzt hatte. Wegen mir hatte er alles verloren was er jemals besessen hatte. Die Hütte die Jahrzehnte lang sein Zuhause war. All sein Werkzeug, all seine Erinnerungen an die Zeit als der Handelsposten von Leben erfüllt war und die Menschen von weit her kamen um einen seiner Bögen zu erwerben.
Nun war alles zerstört und das nur weil er mir Unterschlupf gewährt hatte.
So grübelte ich bis zum Morgengrauen und in mir reifte der Entschluss. Ich musste den Handelsposten - ich musste Joseph verlassen.
Ich würde mich zur erstbesten Siedlung durchkämpfen und ein paar Felle besorgen. Ein paar Werkzeuge stehlen und Kleidung und Nahrung erbetteln die ich ihm bringen würde.
Doch dann müsste ich ihn für immer verlassen.
Nur mit wenigen Worten habe ich mich heute Morgen von ihm verabschiedet. Kurz habe ich ihm meinen Entschluss erklärt und er hörte mir nur stumm zu. Wie gern hätte ich meine Arme um ihn geschlungen und ihn an mich gedrückt doch ich wusste dass ich ihn dann niemals verlassen hätte.
So ließ ich heute morgen das halbverfallene Dorf hinter mir zurück. In meiner Hand der kleinen Bogen, in der Tasche meiner Hose der geschnitzte Hahn, den ich ständig mit mir herum getragen hatte und in meinem Rucksack hast du zwischen etwas Obst gelegen. Mühsam kämpfte ich mich durch das Unterholz bis zu Dämmerung. Und nun liege ich hier zwischen altem Laub und morschem Holz und schreibe dir, denn du bist jetzt das einzige was mir noch geblieben ist.
Weiß du, Joseph war der erste, der mich wie einen von den ganz normalen Menschen behandelt hat...Gute Nacht!

Guten Abend liebes Tagebuch,

ich hörte von Gegenden in denen das ganze Jahr über die Sonne scheint und wie ich merke gibt es auch Landstriche in denen es ununterbrochen regnet, zumindest wurde ich heute Morgen von ganz besonders nassen Regentropfen geweckt. Du kannst dir sicher vorstellen wie erfreut ich über diese kostenlose Dusche war und wie wohl gelaunt ich mich dann wieder auf den Weg machte. Ich denke mein Missmut und meine Wut auf die Welt, die sich offenbar einen Spaß daraus machte einen missgestalteten Narren zu quälen, ließ die meisten Tropfen verdampfen bevor sie Dellen in meinen Kopf schlagen konnten.
So stapfte ich durch den Wald in der Hoffnung bald auf eine menschliche Siedlung zu stoßen. Und irgendwann sah ich tatsächlich Rauch über den Baumwipfeln. Vorsichtig näherte ich mich der Quelle des Rauches bis ich erste Hütten ausmachen konnte. Sie sahen heruntergekommen aber bewohnt aus und was mich am meisten freute - es waren keine Wachleute oder Soldaten zu sehen.
Das Dorf sah so friedlich aus...es erinnerte mich so sehr an früher als ich auf dem Berg lag und hinunterschaute in das Tal...hmpf ich fange an sentimental zu werden. Eigentlich war das Dorf so schön nun auch wieder nicht. Heruntergekommene Hütten mit windschiefen Wänden, von Ruß geschwärzte Dächer, kaum Menschen zu sehen.
Ich nahm all meinen Mut und auch ein wenig Sorglosigkeit zusammen und ging erhobenen Hauptes zwischen den Häusern hindurch. Es mussten insgesamt wohl drei mal zehn Gebäude sein, die sich auf der Lichtung zusammen drängten. In einer der Behausungen hörte ich einen Säugling schreien, in einer anderen verfluchte ein keifendes Eheweib ihren betrunkenen Mann.
Schließlich kam ich zum Mittelpunkt der Lichtung wo eine Hütte stand, die größer war als alle anderen. Die große schwere Tür stand sperrangelweit offen und aus dem Inneren drangen Laute an mein Ohr, die darauf schließen ließen, dass es sich bei dem Gebäude um eine Wirtschaft handelte.
Zögernd betrat ich den großen dunklen Raum in dem die wenigen flackernden Fackeln eher die Schatten bestärkten als für Licht sorgten. Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten erkannte ich, dass die Hütte offenbar eine Mischung aus Versammlungsort, Kneipe, Herberge und Krämerladen war.
In einer Ecke befand sich ein riesiger selbst geschreinerter Tresen der schon Bekanntschaft mit einigen Holzwürmern gemacht hatte und hinter ihm stand eine entzückende junge Maid.
Sie war offenbar gerade erst zur Frau erblüht und sah mich mit großen strahlendblauen Augen an. Ihr lockiges blondes Haar umrahmte das etwas rundliche mädchenhafte Gesicht. Ein entzückender roter Schmollmund der nach Küssen verlangte und ein kleines süßes Stupsnäschen vervollkommneten das liebliche Antlitz.
Mein Blick wanderte zu den wunderschön geformten Brüsten von jugendlicher Festigkeit doch fraulicher Größe...oh wie lange war es her, dass ich das Bett mit einer Frau teilte? Ich spürte wie sich etwas regte und schritt schnell an die Theke heran.
Ich kletterte auf einen der Hocker hinauf und meine Augen befanden sich in gleicher Höhe mit ihren Brüsten. Nur schwerlich konnte ich mich auf ihr Gesicht konzentrieren. Als ich es schließlich geschafft hatte und meine Augen auf ihr Antlitz gerichtet waren, erwartete mich das unschuldigste und liebreizendste Lächeln das man sich nur vorstellen kann.
Nach Minuten des Schweigens und Starrens viel mir endlich ein, weswegen ich hergekommen war und ich fragte sie ob sie mir ein paar Felle, ein Schnitzmesser, ein gutes Beil, etwas saubere Bekleidung für Herren und ein wenig zu Essen verkaufen könnte. Sie meinte dies wäre problemlos möglich und fragte mich wie ich denn zu bezahlen wünsche.
In diesem Moment wurde mir die Schwachstelle meines Plans bewusst. Ich hatte nichts mit dem ich bezahlen konnte! Als ich dies der liebreizenden Maid mitteilte, lächelte sie mich freundlich an und beugte sich zu mir herab, dann zischte sie in mein Ohr \"Was glaubst du verkrüppelter Gnom eigentlich wo du bist? Wenn du keine Münzen in deinen verwanzten Taschen hast dann sieh zu, dass du Land gewinnst oder ich werde das bisschen Männlichkeit, das an dir gewachsen sein mag suchen und mit einem Messer von seinem jämmerlichen Leben befreien und an die Ziegen verfüttern.\"
Dann richtete sie sich wieder auf und das unschuldige Lächeln in ihrem Gesicht ließ mich daran zweifeln, dass diese Worte eben tatsächlich aus dem süßen Schmollmund hervorgekommen waren. Verwirrt wandte ich mich ab um die Hütte zu verlassen.
Plötzlich trat eine riesige Frau vor mich. Nun gut sie mag nicht viel größer als die anderen großen Menschen gewesen sein, doch durfte sie in der Breite ungefähr ausreichend Material für zwei oder drei andere Frauen bieten. Das Gesicht war rot und verschwitzt und bei ihrem Lächeln konnte man in Ruhe zählen wie viele Zähne ihr bereits im Laufe der Jahre verloren gegangen waren. Doch das auffallendste waren die beiden riesigen Brüste, die offenbar nur unter großen Anstrengungen von dem grauen Kittel den sie trug im Verborgenen gehalten werden konnten.
Ich schluckte und in mein Hirn drängten sich Bilder von meinem Kopf der zwischen den Brüsten der Frau gequetscht wurde - manchmal fürchte ich wirklich um meine geistige Gesundheit.
Nun ja dieses Weib hatte sich also vor mir aufgebaut und sah mit ihren kleinen Schweinsäuglein auf mich herab. Mit bestimmter Stimme stellte sie fest, dass ich wohl ein Hofnarr sei. Dabei sah sie so glücklich und zufrieden aus als hätte sie das größte Geheimnis des ganzen verdammten Elfenwaldes gelüftet. Und wenn man die Größe meines verformten Körpers und die lächerliche bunte Kleidung die ich trug bedenkt, mag es wirklich recht schwierig gewesen sein zu dieser Erkenntnis zu kommen.
Ich lächelte ihr freundlich zu und nickte um ihre Vermutung zu bestätigen.
\"Das habe ich gewusst.\" Sagte sie selbstzufrieden und mir fehlte das diplomatische Geschick darauf eine freundliche Antwort zu geben. Darum schwieg ich und sah sie grinsend an.
Das Weib packte mich am Arm und zog mich hinter ihr her in eine der dunklen Ecke des Raumes wo sie mich wie ein Kind auf die Bank setzte. Ich war viel zu perplex um mich zu wehren. Dann nahm sie neben mir Platz und starrte mich neugierig an.
Schließlich meinte sie, dass sie mitbekommen hätte, dass die geizige Andriella mir nichts verkaufen wollte und meinte sie hätte einige Münzen, von denen sie mir geben könnte. Dann schüttelte sie ihre Schürze in der einige Münzen klimperten wobei ihr Busen bebte und ich fürchtete der dünne Stoff des Kittels könnte dieser Beanspruchung nicht gewachsen sein. Ich kam gar nicht dazu mir auszumalen, was sie wohl für ihre Münzen verlangen wollte, denn plötzlich beugte sie sich zu mir herüber und meinte ich solle ihr eine Geschichte aus der feinen Welt erzählen.
Verwirrt durchforstete ich mein Gehirn nach einer brauchbaren Geschichte, doch alles was ich in letzter Zeit erlebt hatte würden selbst dieser Frau klarmachen, dass ich nicht auf besten Fuß mit dem Gesetz stand. Und da ich nicht wollte dass mich die beiden Brüste an den nächsten Wachmann auslieferten, konnte ich keines der Erlebnisse zum besten geben.
Schließlich als mir klar wurde, dass dies meine einzige Möglichkeit war, die Sachen zu besorgen die ich Joseph schuldete, erzählte ich die einzige unverfängliche Geschichte die mir einfiel. Sie handelte von einem kleinen, dummen, tollpatschigen Narr, der jungen Frau die er liebte und einem Königspaar, das alle Träume des Narren in einer Flut aus Gelächter untergehen ließ. Als ich meine Geschichte beendet hatte schaute mich das Weib traurig an. Ihre Augen waren erfüllt von Trauer und Einsamkeit als sie mit gebrochener Stimme sagte: \"Das ist wohl das Schicksal von allen die anders sind...verspottet zu werden.\" Die tiefe, verzweifelte Traurigkeit und die Hilflosigkeit in ihrem Gesicht ließen sie für einen Moment fast schön aussehen, doch dann brach sie in lautes Gelächter aus. \"Wie der kleine Kerl kopfüber durch den Saal gekullert ist. Das muss wirklich zum Schießen gewesen sein.\" Das Gelächter brachte alles zum Beben und Wogen. Verständnislos sah ich sie an, als plötzlich mit ungeahnter Geschwindigkeit ihre feiste Hand nach vorne schoss und sich den Weg in die Tasche meiner Hose bahnte.
Als sie diese einige Minuten später wieder verließ hinterließ sie neben einem feuchten klebrigen Fleck einige klimpernde Kupfermünzen.
Die Frau stand auf und verließ die Hütte ohne ein weiteres Wort.
Nachdem ich mich gesammelt hatte ging ich erneut zu dem jungen Ding hinter dem Tresen, knallte die Münzen auf den Tisch und verlangte die Dinge, die ich Joseph bringen wollte.
Mit einem anzüglichen Grinsen im Gesicht schaffte sie das gewünschte heran, doch ihr Spott war nicht in der Lage mich zu verletzen.
Kurze Zeit später machte ich mich schwer beladen auf zurück zum verlassenen Handelsposten, zurück zu Joseph.
Weit hab ich's heute nicht mehr geschafft, denn ich war ziemlich ausgelaugt, aber zumindest hat die Zeit gereicht, dir zu berichten was geschehen ist.
Also schlaf gut liebes Tagebuch. Bis Morgen

Dabei fing es doch eigentlich ganz gut an.
Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne weckten mich - ja du hast richtig gelesen...kein Regen!
Nach einem ausgiebigen Frühstück schnürte ich mir die doch recht schwere Last auf den krummen Rücken und machte mich auf. Ich wusste dass ich heute noch den verlassenen Handelsposten erreichen könnte wenn ich mich beeilte, also verlor ich keine Zeit und schritt energisch voran, na ja so energisch wie es meine kurzen krummen Beine erlaubten.
Vor meinen Augen sah ich Joseph wie er sich freuen würde wenn ich ihm die Sachen brachte. Er würde mich in den Arm nehmen, sein zahnloser Mund würde sich zu einem Lächeln verziehen und seine Augen würden vor Freude anfunkeln.
Frag mich nicht wieso, aber der Kerl bedeutet mir wirklich viel. Egal wie alt verschroben und gebrechlich er auch sein mag, er nahm mich bei sich auf ohne Fragen zu stellen und er sah in mir immer zuerst den Menschen und dann erst irgendwann den Narren.
Ich freute mich schon auf seine rauen Scherze, die knarrende Stimme und das blecherne schallende Lachen.
Mit einem Grinsen schritt ich durch den einsamen Wald und pfiff den riesigen Bäumen ein fröhliches Liedchen vor. Man mag es kaum glauben aber wenn es einmal nicht regnet ist der düstere Wald gar nicht so düster. Sonnenstrahlen brechen durch das Blätterdach und formen Muster aus Licht auf dem Waldboden. Die verrücktesten Vogelstimmen schallen durch den Wald, manchmal hört es sich sogar an, als würden Menschen rufen. Und überall kann man bunte, reine Farben entdecken. Kleine hellblaue Blüten, die sich durch ein Gestrüpp alter verdorrter Zweige durchgekämpft haben. Dunkelgrünes, weiches Moos, das die Luft mit seinem Duft erfüllt. Ich weiß ich höre mich an wie einer von diesen verweichlichten Barden, die ihre Burgfräuleins mit schrecklich langweiligen Liedern erfreuen, aber es war wirklich so.
Nun ich war frohen Mutes und kam ganz gut voran und als die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hatte konnte ich zwischen den Bäumen die ersten Anzeichen des Handelspostens ausmachen.
Die Vorfreude auf das zerknitterte, grinsende Gesicht von Joseph ließ mich meine Schritte noch einmal beschleunigen und schon bald hatte ich das große Tor hinter mir gelassen.
Qualm steig auf. Wahrscheinlich kochte Joseph gerade dieses fürchterliche Gebräu. Mittlerweile lief ich fast und schon kam das alte abgebrannte Haus in Sicht. Schuldgefühle mischten sich in die Vorfreude auf das Wiedersehen. Immerhin hat Joseph wegen mir seine altes Bleibe und all seinen Besitz verloren. Meine Hand tastete zu meinem Rücken wo sich die Felle, die Kleidung und das Werkzeug befanden. Er würde sich bestimmt freuen.
Noch zwei Schritte und das Josephs jetzige Hütte war zu sehen.
Wie angewurzelt blieb ich stehen.
Nicht den Rauch eines Lagerfeuers hatte ich gesehen, sondern die Überreste des Brandes, dem auch die zweite Hütte zum Opfer gefallen war.
Ich zwang mich einen Fuß vor den anderen zu setzen. Vor der verbrannten Ruine blieb ich stehen. Das schwarze verkohlte Holz strahlte keine Wärme mehr aus, doch der Geruch nach Verbranntem lag in der Luft und drohte mir den Atem zu rauben.
Wie zu Stein erstarrt verharrte ich vor dem was Josephs Haus gewesen war. Mein Blick raste wie verrückt zwischen den Trümmern umher. Ich spürte wie sich Tränen in meinen Augen sammelten doch brachen sie nicht hervor ans Tageslicht.
Tief sog ich die stinkende nach Tod riechende Luft in mich ein bevor ich laut und verzweifelt schrie: \"JOOOSEPH!!\" Wieder und wieder schallte der Ruf durch das verlassene Dorf ohne dass eine Antwort folgte. Ich weiß nicht wie lange ich dort stand und den Namen brüllte, aber irgendwann kam bloß noch ein heiseres Krächzen über meine Lippen.
Es dämmerte als meine Beine nachgaben und ich zu Boden sank. Noch immer weigerten sich die Tränen standhaft über meine Wangen zu laufen und in meinem Kopf überschlug sich alles: War Joseph tot? Nein das konnte er nicht. Vielleicht waren die Kopfgeldjäger zurückgekehrt oder das Kochfeuer war auf das trockene Holz übergesprungen. Joseph war bestimmt im Wald Holz schlagen, er würde doch nicht einfach so verbrennen. Oder haben die ihn bewusstlos geschlagen und die Hütte abgefackelt? Warum hat es nicht geregnet wie sonst, das hätte das Feuer bestimmt gelöscht. Oder haben die unheimlichen unsichtbaren Gastgeber ihn gerettet? Ich hätte Joseph nicht verlassen dürfen, dann wäre ihm nichts passiert, nein ich hätte niemals in sein Leben treten dürfen dann würde er immer noch glücklich in seiner Hütte leben.
Die Dunkelheit und die Kälte der Nacht brachen über mich herein, doch ich konnte mich nicht bewegen. Die schwere last war noch immer auf meinen Rücken geschnallt doch die Traurigkeit in meinem Herzen wog weitaus mehr. Irgendwann kam auch der Schlaf und beendete die düsteren Grübeleien.

Ich schreckte aus dem Schlaf auf.
Schritte...jemand näherte sich mir. JOSEPH! Die Taubheit des Schlafes fiel von mir und ich versuchte mich zu ihm umzudrehen, doch die schweren Felle die ich noch immer auf den Rücken gebunden hatte, machte mir jede Bewegung unmöglich und ich konnte nicht hinter mich sehen. Doch wer sollte es sonst sein wenn nicht Joseph? Mein Herz hüpfte vor Freude und die Qualen der letzten Stunden waren vergessen. Jetzt würde alles gut werden.
Ein Schlag traf mich am Hinterkopf und Dunkelheit umgab mich und ich verlor das Bewusstsein.

Als ich zu mir kam war die Dunkelheit noch nicht gewichen und die Welt um mich herum war in Bewegung. Alles schien zu schwanken und zu beben. Verwirrt wollte ich meinen Kopf schütteln doch verursachte ich nur einen stechenden Schmerz, der von meinem Hinterkopf über das Genick das Rückrat hinunter kroch und seine eisigen Krallen in mich bohrte.
Ich spürte Fesseln an meinen Handgelenken. Offenbar hatten sie die Haut wund gescheuert denn ein dumpfer Schmerz umgab sie.
Zu meinem großen Schrecken musste ich feststellen dass ich meine Füße nicht spürte, doch war ich klug genug nicht eine weitere Bewegung zu wagen um mich meiner Vollständigkeit zu vergewissern.
Langsam erwachte mein Verstand hinter den pochenden Schläfen und bemerkte, dass ich offenbar mit gefesselten Gliedern über ein Maultier oder Pferd geworfen worden war und nun jeder Schritt des Tieres meine Welt zum Schwanken brachte. Die Dunkelheit rührte von einem alten übel riechenden Leinensack her, der mir über den Kopf gezogen war.
Ich konnte sogar ein kleines Loch im groben Gewebe entdecken, durch das Tageslicht in mein düsteres Gefängnis drang.
Gedämpfte Stimmen waren wahrzunehmen doch ich konnte den Sinn hinter den Lauten nicht erkennen. Ein Schritt und noch ein Schritt. Mein Körper schmerzte bei jeder Bewegung und mein Geist gab sich schon bald wieder der Dunkelheit hin.

Und dann bin ich hier zu mir gekommen...
Die Zelle ist vielleicht 5 Schritte lang und nicht ganz so breit und befindet sich irgendwo mitten auf einem Marktplatz. Irgendwie kommt mir die Umgebung bekannt vor aber ich kann mich nicht erinnern. Doch das Schlimmste...ich bin schutzlos ausgeliefert...der Kälte, dem Regen und den Augen der gaffenden Schaulustigen. Die Tomaten mit denen man nach mir wirft sind kaum in der Lage meinen Stolz noch weiter zu verletzen und das Gelächter berührt mich kaum. Sollen sie doch starren und lachen, was macht es schon für einen Unterschied.
Man hat mir dich, mein liebes Tagebuch, und einen Kohlestift gelassen...wahrscheinlich glauben sie ich werde endlich das Loblied auf das Königspaar verfassen und wahrscheinlich sollte ich dies auch besser tun.
Um ehrlich zu sein ich habe es versucht...aber ich konnte nicht. Es fühlte sich an als würde ich mich entmannen und mir selbst die Narrenkappe wieder aufsetzen. Doch das werde ich nicht wieder tun.
Ich bleibe hier sitzen und warte. Mehr als mein Leben können sie mir nicht mehr nehmen.

Jalil war ihr Name. Zumindest hat sie das behauptet. Später hatte das Mädchen sie Saria genannt, aber Jalil passt viel besser zu ihr. Geheimnisvoll und ein Hauch von Fremdheit.
Sie hat mich hier gefunden - Britain ist es, deswegen kam es mir so vertraut vor - Freundlichkeit lag in ihrer Stimme und sie schien ernsthaft besorgt zu sein. Wahrscheinlich hätte sie sogar versucht mich zu befreien, wenn ich sie darum gebeten hätte, aber was sollte mir das noch bringen?
Stattdessen bat ich sie Erkundungen über Joseph einzuholen. .
Ein paar Stunden, Tomaten, Steine und Eier später hatte ich Besuch von einer jungen Dame.
Sie war nicht nur liebreizend sondern stand auch noch vor dem großen Stoß in die Realität bei dem alle Träume zerplatzen und man sich am Boden liegend wieder findet. Sie war süß und freundlich und hilfsbereit und mitfühlend. Eben alles was so ein junges unschuldiges Kind ausmacht. Ich hoffe dass sie noch lange in ihrer Traumwelt leben kann bevor jemand kommt und ihr die kindliche Unschuld raubt. Sie glaubte wirklich, dass sie mir nur aus dem Käfig helfen müsste und schon würde die Sonne wieder für mich scheinen. Aber da muss ich mir wohl nichts vormachen, für mich gibt es da draußen nichts mehr zu holen. Ich werd einfach versuchen die gerade gefundene Würde nicht wieder zu verlieren und mit erhobenem Kopf mein Urteil entgegen zu nehmen. Wenn es nur schon endlich so weit wäre. Dieses schreckliche Warten zermürbt mich langsam. Ich weiß dass ich nur noch einen Schritt zu machen habe um die Geschichte zu beenden und das Buch zu schließen und doch verweigert man mir diesen Schritt noch immer. Ich kann nur hoffen dass es schmerzlos wird und schnell geht, wenn es weh tut, wird das bisschen Würde sich wahrscheinlich schneller verflüchtigen als ich den Mund zum Schreien öffnen kann.
Aber die junge Dame wusste von solchen Problemen natürlich nichts und ich hoffe dass sie es nie erfahren muss. Und dann kam Jalil zurück. Offenbar kannten sich die beiden und waren recht vertraut miteinander. Überraschend wenn man bedenkt wie erfahren Jalil wirkt. Leider brachte sie mir keine Neuigkeiten von Joseph. Verdammt bitte erspar mir auch noch sein Leben auf dem Gewissen zu haben. Er hatte doch nichts anderes getan als freundlich zu mir zu sein und wie habe ich es ihm gedankt?
Ich hoffe diese verdammte Verhandlung findet endlich statt und die ganze Sache kommt zum Ende.
Mitglied-46925.08.2004, 21:27 Uhr
das gute mondgesicht stand nun auch wenn ich nicht mit ihm spielte im frei zugänglichen Pranger mitten in brit herum bis eines tages ein 'mitgefangener' eslustig fand mit einem wurfbeil nach ihm zu werfen, was dann das ende des narren auf diesem shard bedeutete. als übergang zum leben auf neuen shards habe ich die folgende geschichte geschrieben, wobei städte- und götternamen natürlich je nach shard ausgetauscht werden müssen :biggrin:

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Hallo mein liebes Tagebuch,
Bitte verzeih mir meine Verwirrtheit, aber das Geschehene lässt mich an meinem Verstand zweifeln. Lag ich nicht eben noch in dem Käfig auf dem Markte Britains? Wurde ich nicht begafft von den feinen Herrschaften und verspottet vom einfachen Volke? Sah ich nicht eben noch wie der Gefangene im Käfig neben mir ein Wurfbeil unter seinem Wams hervorholte und damit nach mir warf? Ich sah sein von kindischer Freude verzerrtes Gesicht und die im Sonnenlicht blitzende Klinge, die mit unglaublich langsamer Geschwindigkeit auf mich zuraste und ich wusste, ich würde ihr nicht ausweichen können. Bilder drängten das Beil beiseite. Ich sah mich selbst, wie ich die Kappe des Narren aufsetzte und meinen alten Namen ablegte. Sah die traurigen rehbraunen Augen meiner einzigen Liebe, deren Einsamkeit erst zu Zuneigung wurde bevor sie von brennendem Mitleid abgelöst wurde. Ich sah das Königspaar mit hochrotem Kopf, das Gesicht zu einer spöttisch lachenden Grimasse verzogen. Der runzlig liebevolle Joseph – Ich spürte Schmerzen obwohl mich das Beil noch nicht erreicht haben konnte. Doch dann war es endlich so weit - Ich spürte wie mein Kopf nach hinten gerissen wurde. Langsam rann eine merkwürdig warme Flüssigkeit über meine Stirn. Und dann breitete sich der Schmerz in mir aus, riss meinen Schädel entzwei und krallte sich in mein Herz. Bangend erwartete ich dich Stille bringende Dunkelheit, doch sie blieb aus. Stattdessen durchdrang ein stechendes kaltes Licht meine geschlossenen Augen und ließ mich den Schmerz vergessen. An seiner Stelle machte sich die ruhige Gewissheit in mir breit: Ich war tot.
Jetzt wirst du dich fragen, liebes Tagebuch, warum zur Hölle ich dir schreibe, wenn ich doch gerade so anschaulich und dramatisch zu Tode gekommen bin. Wenn du die Antwort auf diese Frage gefunden hast, teile sie bitte mit mir, denn ich habe nicht die leiseste Ahnung.
Ich weiß nur plötzlich spürte ich wieder die warme, klebrige Flüssigkeit in meinem Gesicht und sie wurde begleitet von einem unglaublich penetranten Gestank der meine Sinne zurück ins Leben zwang. Ich spürte meine Arme und Beine. Merkwürdige grunzende Geräusche drangen an mein Ohr und langsam, ganz vorsichtig öffnete ich die Augen.
„WÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄHHHHH“
Mein Schrei durchdrang das irgendwo als ich direkt vor meinem Gesicht etwas Riesiges, Dreckiges, Sabberndes, Stinkendes bemerken musste, dass offenbar an meinem Antlitz besonderen Gefallen gefunden hatte. Doch mein Gebrüll ließ das Interesse jeh ersterben, denn mit einem erschrockenen Quieken riss sich die das stinkende Etwas von mir los und suchte mit dem Rest des Schweins sein Heil in der Flucht.
Angewidert wollte ich mir den widerlichen mit Brocken von ‚ich möchte es gar nicht wissen’ durchsetzten Schweinespeichel vom Mund wischen, doch meine Hand verharrte wie versteinert kurz vor meinem Gesicht, hatte ich doch bemerkt, dass sie mit den grün-braunen Absonderungen des anderen Schweineendes bedeckt war. Nur mit Mühe konnte ich das Verlangen, meinen Magen schnellstmöglich auszuleeren, unterdrücken und ließ die Hand wieder zu Boden sinken.
Mein Blick tastete meine nähere Umgebung ab und musste widerwillig feststellen, dass ich mich inmitten von Unmengen grün-brauner Haufen befand, während 7 bis 10 kleine, unzufrieden aussehende Schweineaugen mich misstrauisch beobachteten.
Lauthals verfluchte ich alle mir bekannten Götter ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, welcher von ihnen wohl für solche Situationen zuständig war.
Ich stütze meine Hand auf den Boden und versuchte nicht daran zu denken, was zwischen meinen Fingern hervorquoll, als ich mich mit einem leisen Ächzen mühsam aufrichtete.
Die Hände weit von mir gestreckt schritt ich langsam und vorsichtig auf den hölzernen Zaun, zu der die Koppel umgab, ohne dabei den Blick von meinen schweinischen Gastgebern abzuwenden. Wer weiß wozu so ein Vieh fähig ist, wenn es ungebetenen Besuch erhält?
Irgendwie habe ich es tatsächlich geschafft, den mir bis zur Schulter gehenden Zaun zu überqueren. Ich werde dich nicht mit den Einzelheiten langweilen, da sie nur ein weiteres Mal die Schwachpunkte meines Körpers verdeutlicht haben. Doch nicht verschweigen werde ich dir die Schwachstelle meines Geistes, der erst nach erfolgreicher Zaunüberquerung das kleine hölzerne Tor entdeckte, das nur mit einem einfachen Riegel verschlossen war. Ich sag dir ich hätte mir beinahe mit der Hand gegen die Stirn geschlagen als ich meine Einfalt entdeckte, doch glücklicher Weise vielen mir rechtzeitig die besonderen Umstände ein, die das \"gegen die Stirn schlagen\" nur zu einer weiteren Niederlage meines Verstandes gemacht hätten.
So deutlich an die Notwendigkeit einer gründlichen Reinigung erinnert blickte ich mich suchend um. Ein leises Rauschen führte mich schließlich zu einem kleinen Bach und ich fand eine gut hinter Büschen verborgene Stelle mit flachem Ufer.
Ein testend ins Wasser gehaltener Finger, kehrte erschrocken und protestierend an die trockene Luft zurück. Das Wasser war kälter als eine Novembernacht in den Bergen. Mit gerunzelter Stirn blickte ich an mir herunter dann zum Wasser und schließlich wieder auf meine Hände.
Resignierend seufzend tauchte ich meine Hände in das klare Wasser und wusch die schweinischen Überreste von ihnen. Mit einem prüfenden Blick am einsamen Ufer entlang zog ich schließlich die vor Dreck und Gestank schreiende Kleidung aus. Jacke, Hose, Hemd, Unterkleid - nacheinander schaffte ich es sie von den Erinnerungen an den Schweinestalls zu befreien und legte sie schließlich zum trocknen in das Gras, bevor ich mit zitternden Lippen selber in den kleinen Bach schritt. So schnell wie möglich wurde mein Körper vom Schmutz befreit. Doch dann nahm die spiegelnde Wasseroberfläche meinen Blick gefangen, als ich zwischen den sich langsam beruhigenden Kreisen mein Ebenbild erkannte. Nein, Nein keine Angst ich bin nicht zu einem wunderschönen Märchenprinzen geworden (leider). Ich sah genauso aus wie immer: So groß wie ein zehnjähriges Kind, ein kugeliger Bauch, eine schmächtige, kränkliche Brust, zu kurze Arme, Buckel, und von den krummen kurzen Beinen wusste ich auch ohne dass ich sie sehen konnte. Dann das Gesicht…Lippen um die mich so manche Frau beneidete (das ist aber auch das einzige was jemals Neid hervorgerufen hat), die Knollennase, die kleinen dunkelbraunen Augen, der fast kahle Schädel und die Narbe über der rechten Braue. Und dann entdeckte ich den verräterisch roten Strich, der sich auf meiner weißen Haut vom Haaransatz über die Stirn bis hin zur Nasenwurzel zog. Gedankenversunken zog ich mit meinem Finger die neue mir noch völlig unbekannte Narbe nach. Woher…? Ein leiser Aufschrei unterbrach meine Gedanken und ich sputete mich zu meinen Kleidern zu kommen. Doch auf halbem Wege erstarrte ich zu einer Salzsäule. Eine junge Dame von vielleicht 14 Jahren stand inmitten des Gebüschs und stierte mich mit halboffenem Mund und vor Schreck geweiteten Augen an. Schneller als ich gewann sie die Kontrolle wieder und blickte leicht errötend zu Boden. Und ich sage dir, sie sah wirklich allerliebst aus. Kupferfarbenes schulterlanges, wildes Haar. Eine Haut so zart und weiß wie Milch. Das niedlichste Näschen das du dir vorstellen kannst und doch schon recht deutlich im Körper einer Frau.
\"Ihr solltet Euch vielleicht etwas überziehen?!\" Ihre Stimme (so süß wie Honig) riss mich aus meiner Starre und erschrocken wurde mir bewusst, dass ich splitternackt im kniehohen Wasser stand. Wild stürzte ich auf meine Kleider zu, riss sie an mich und verschwand hinter dem nächstbesten Baum, wo ich hektisch in Hemd und Hose stieg.
\"Verzeiht…meine Dame…Ich…ähm…ich wusste nicht, dass ich hier mit Beobachtern zu rechnen habe…Bitte verzeiht!\"
Langsam trat ich hinter dem Baum hervor und sah mit noch immer hochrotem Kopf zu dem jungen Mädchen hinüber. Sie lachte nur fröhlich und meinte, dass sie schon einige nackte Männer gesehen habe und darum nichts wirklich Unbekanntes und Erschreckendes erblicken musste.
Ich grinste nur verlegen und heimlich erfreut, dass sie mich als Mann und nicht als Krüppel ansah. Vielleicht muss ich mich vor allen Leuten entblößen damit sie begreifen, dass ich ein Mann und nicht nur ein tollpatschiger Narr bin schoss es mir bitter durch den Kopf.
Ich trat auf sie zu und verneigte mich leicht vor ihr, wobei meine noch nasse Kleidung unangenehm an meinem Körper klebte. \"Mondgesicht ist mein Name. Es ist mir eine Ehre Euch kennen zu lernen.\" Freundlich blickte ich zu ihr hoch und sah wie sie offenbar ein Schmunzeln zu unterdrücken versuchte. \"Karolina.\" Sagte sie kurz und fügte nicht unfreundlich hinzu \"Wenn Ihr in dieser nassen Kleidung hier draußen bleibt werdet Ihr morgen mit einer Lungenentzündung aufwachen. Kommt mit. Bei meiner Mutter werdet Ihr heiße Suppe und ein wärmendes Feuer vorfinden, aber untersteht Euch unsere ungewöhnliche Begegnung in irgendeiner Form zu erwähnen, Araos verurteilt Sittenlosigkeit und unzüchtiges Verhalten.\" Mit einem kecken Lächeln auf den Lippen, das mit mitteilte, dass sie diese Meinung nicht teilte, wandte sie sich ab und schritt voran wobei sie es meiner Fantasie überließ heraus zu finden wer dieser Araos ist.
Die Mutter war genauso freundlich wie das junge Mädchen und nahm mich als Gast in ihrem Haus auf. Ohne Fragen zu stellen schob sie mich auf eine Bank in der Nähe des Kamins und drückte mir eine heiße Schüssel mit Suppe in die Hände. Dann setzte sie sich mir gegenüber und wachte darüber, dass ich auch den letzten Tropfen der köstlichen Suppe in meinem hungrigen Bauch verschwinden ließ, wobei sie mich so unauffällig wie möglich musterte. Erst als die Schüssel geleert war sah sie mich auffordernd an – ich verstand. Jetzt war es an der Zeit, die Fragen, die sie aus Höflichkeit nicht gestellt hatte, zu beantworten. Da ich mir sicher war, dass die Wahrheit mich nur in Schwierigkeiten bringen würde, erzählte ich, dass ich aus einem klitzekleinen, völlig unbekannten, weit entfernten Dorf stamme und hierher (wo auch immer hier ist) gekommen sei um nach Arbeit zu suchen. Ich konnte ihr deutlich ansehen, dass sie mir kein Wort glaubte und trotzdem erzählte sie mir, dass ihr Mann auf dem Wege nach Verium sei, wo er Mais und Kürbisse verkaufen wolle. Sie meinte, dass ihr Mann entscheiden müsse ob sie Arbeit für mich hätten und dass sie ihn in zwei Tagen zurückerwartet. Offenbar sah die gute Frau in mir keine Gefahr, denn sie bot mir an, dass ich für die zwei Tage auf dem Heuboden Quartier beziehen dürfe, wenn ich mich auf dem Hof solange nützlich mache.
Tja und nun liege ich hier auf dem Heuboden. Karolina hat mir Pergament, Tinte und Federkiel gegeben, so dass ich dir schreiben kann. Und jetzt wo ich allein bin und das nach Heimat duftende Heu meine Welt erfüllt, lassen sich auch all die Fragen nicht mehr so einfach verdrängen: Was ist passiert? Wie bin ich hierher gekommen? Und wo zur Hölle ist hier?
Ich sehne mich nach Joseph und seiner kleinen muffigen Hütte. Ich will eine Welt in der ich mich auskenne und ich will wissen wer sich diesen Schwachsinn ausgedacht hat und mich irgendwo im Nichts in einem Schweinestall ausgesetzt hat…ich mein, wenn man mich schon vor dem Tod rettet, geht das dann nicht auch etwas eleganter? Naja lass uns sehen was der Tag morgen bringt. Zumindest habe ich dich wieder, das ist doch auch schon etwas.
Gute Nacht!
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