Bewaffnet mit einer kleinen Spitzhacke, seinem Rucksack und einem Seil drückte der Zwerg seinen Rücken gegen die Höhlenwand hinter sich. Ein kleines Steinchen bröckelte unter seinem Fuß und fiel in die endlose Schwärze der Felsspalte an seiner Seite.
Seit Wochen war Nagal auf der Suche nach dem seltenen Erz immer tiefer in das Gebirge der Südmark vorgedrungen. Kürzlich hatte er auch eine kleine Grotte gefunden, die ihn in jenes weit verzweigte Höhlensystem führte, in dem er sich nun befand. Inzwischen musste er wohl schon hunderte von Metern unter der Erde sein, umgeben von dickem kalten Gestein und der ewigen Dunkelheit. Hier unten gab es für ihn weder Tag, noch Nacht. Doch fühlte er sich wohl, so wohl wie kaum an einem anderen Ort. Allein Vorfreude darauf etwas Besonderes zu finden, etwas Verborgenes zu entdecken, trieb ihn weiter vorran. Tiefer und tiefer in den Berg hinein.
Geübt schlängelte sich der Zwerg, weiter an der Felswand entlang, stets nur einen Fuß breit vom Sturz in den sicheren Tod entfernt, hin zu jener kleinen Öffnung am Ende des Vorsprunges. Seine kleine aber stämmige Statur war ihm dabei keineswegs ein Nachteil. Als er die Öffnung erreichte und hinein blickte, erkannte er in der Dunkelheit einen offenbar großen Raum. Die Wände jedoch schienen nicht aus dem grauen Fels zu bestehen, sondern glänzten und funkelten schwarz.
"Was bei allen..."
Hastig legte er seinen Rucksack ab und befestigte ihn an einem Seil, dass er sich zuvor um den Bauch gebunden hatte. Dann versuchte er sich durch die Öffnung zu quetschen. Irgendwie schien ihm die Öffnung von außen betrachtet größer gewesen zu sein. Nur mit Mühe erreichte er kriechend das Ende des Durchgangs und plumpste er auf der anderen Seite mit einem Keuchen in den Raum hinein. Er rappelte sich auf die Beine und erstarrte. So schwarz, wie die Wände funkelten, so funkelten auch seine Augen. Der Raum schien kreisrund, wie eine Blase im Stein... oder eine Kuppel mit 20 Schritt im Durchmesser und überall schimmerten und funkelten Kristalle... Dies war all seine Mühen wert gewesen! All seine Mühen und noch mehr!
Vorsichtig entzündete er eine Laterne und als die ersten Lichtstrahlen sich in den Kristallen brachen, trieb ihm die Schönheit des sich bietenden Lichtspiels beinahe Tränen in die Augen. Tausende Farben brachen sich in den Facetten und spannten grüne, blaue und goldene Lichtbögen um ihn herum. Für einen kurzen Augenblick spürte er, wie der Boden unter seinen Füßen zu beben begann, sich im nächsten Moment jedoch wieder beruhigte. Die Farbenpracht ließ ihm den Atem stocken. Es schien als würde die Lichterflut sich immer weiter verstärken. Irgendetwas stimmte hier nicht. Immer heller wurden die Lichter, bis es ihm in seinen Augen schmerzte. Er ließ die Laterne zu Boden fallen und hielt sich die Hände vor die Augen, doch selbst als die Laterne zerbrach, blitzte das Licht heller und und schmerzvoller auf als zuvor. Panik erklomm sein Herz. Langsam spürte er, wie das grelle Licht sich durch seine geschlossenen Augenlieder einen Weg fraß. Das Licht schien sich durch seinen ganzen Körper zu fressen... Es brannte... brannte auf seiner Haut, brannte in seiner Lunge und brannte in seinem Herzen. Ein flammender Schmerz wütete in jeder Faser seines Körpers. Er spürte förmlich, wie der Wahnsinn an seiner Seele fraß und wie fremde Gedanken sich in seinem Schädel drehten. Mit einem durchdringenden Schrei fasste er sich an seine Augen, sank er herab, die Augen hinter den Fingern vergraben, die sich krampfhaft zusammenzogen... Erleichtert spürte er, wie zwischen seinen Fingern warmes Blut hinabrann und über seine Wangen im Bart versickerte. Dunkelheit kehrte ein... und er verlor das Bewusstsein.
Als Nagal wieder zu sich kam, schwebte sein Körper in endloser Schwärze. Er spürte weder Kälte noch Wärme... Nur diesen pochenden Schmerz, wo einst seine Augen waren. Allmählich kehrten die Erinnerungen zurück... an das Licht, die Qualen, die Stimmen in seinem Kopf und den wachsenden Wahnsinn. Vorischtig versuchte er um sich zu tasten, doch da war nichts, was sich berühren ließ. Die Zeit verging und sein Geist sehnte sich danach auch nur irgendetwas wahrzunehmen, doch es gab nichts. Plötzlich, als hätte man seinen stillen Wunsch erhört, brach die Schwärze vor ihm auf und er spürte wie sein Fuß langsam auf festen Boden trat. Nagal erkannte den Raum sofort, in dem er sich befand - es war die Kuppel aus jenen schwarzen Kristallen, in der alles begonnen hatte. Es dauerte ein Weilchen, eh er erkannte, dass er sich umsah. Er sah den Raum. Wie konnte das sein? Er spürte noch immer den Schmerz in seinen leeren Augenhöhlen und konnte sich nur zu gut daran erinnern, wie das Blut über seine Wangen floss. Und doch konnte er alles genau sehen. Es schien sogar, als wäre sein Blick schärfer und klarer geworden. Und als würden sie ihnen verhöhnen, schimmerten unberührt von alledem vor ihm die schwarzen Kristalle auf. Wütend griff er nach Spitzhacke, um sie zu zerschlagen, um den Ort für immer zu zerstören, auf dass er all das Unheil für immer hier begrabe - doch .. seine Hand gehorchte ihm nicht!? Sein Körper bewegte sich keinen Fuß breit...
"Hörst du mich?"
...drangen die Worte aus seinem eigenen Mund. "Ich weiß, dass du mich hörst. Ich kann dich spüren." Seine Gedanken überschlugen sich, er wollte schreien, doch er konnte nicht. Mit seinen Gedanken formte er die Worte "Wer bist du? Was willst du?" - "Ich bin du." Erklang die schlichte aber beängstigende Antwort. Er hämmerte gegen die unsichtbaren Mauern seines Verstandes, doch er blieb gefangen. Ein kaltes Lachen drang aus seinem Mund und er musste zusehen, wie sein Körper auf die nächste Wand zuging. Doch anstatt dagegen zu stoßen, tauchte zuerst seine linke Hand und dann der Rest seines Körpers zwischen den Kirstallen in den Fels ein, zurück in die Schwärze. Er schwebte durch den harten Fels, als bestünde er aus einer zähfließenden öligen Masse. Auf der anderen Seite angekommen, trat der Zwerg aus dem Berg hinaus und sein Blick viel auf eine verzerrte Landschaft. Geschmolzener Stein, giftige Dämpfe und Ödnis fraßen sich wie ein Geschwür vom Berg aus hinein in den Jungel. Vor ihm verdunkelte die Statue eines deformierten Ogers die Sonne. Der schwarze Stein schimmerte wie die Kristalle zuvor. Nagal spürte, wie sein Mundwinkel sich zu einem Schmunzeln verzog und machte sich auf den Weg...
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